Beitrag vom 25 Juni 2009 11:06
Eigentlich wäre es ja an der Zeit, über die diesjährige Löwen-Verleihung in Cannes zu berichten. So wirklich vom Hocker gehauen hat mich dort aber nichts, weshalb ich an dieser Stelle auf das Special von HORIZONT hinweise und mich den gestern Abend verliehenen, sehr viel interessanteren Grimme Online Awards widmen möchte. Seit 2001 verleiht das Adolf-Grimme-Institut jährlich maximal acht Preise in vier Kategorien an »qualitativ hochwertige Websites«. Da war es nur logisch, insgesamt neun Preise in fünf Kategorien zu vergeben.
In der Kategorie Information wurden drei Kristallquader verteilt. Das Blog »Carta« hat einen davon, den Preis für Redaktion und Autorenschaft, eingesackt, hoch verdient wie ich finde. Unter dem gemeinsamen Dach schreiben über 30 Autoren weitgehend überparteilich zur Medienpolitik der Parteien, zu den Themen Qualitätsjournalismus oder Urheberrecht usw. Das ganze ordentlich vernetzt und nicht auf möglichst schnell gelieferte News ausgerichtet, sondern hintergründig und reflektiert. Aus der Begründung der Jury:
»Carta« ist ein erstes gelungenes deutschsprachiges Beispiel dafür, dass ein Autoren-Blog nicht lediglich als Ergänzung zu den einschlägigen Medienseiten der überregionalen Presse abgetan werden kann: »Carta« kann die Funktion eines führenden Medienbeobachters und -kommentators in Deutschland übernehmen
Den Preis für Autorenschaft und Gesamtverantwortung erhielt das Blog des Sportjournalisten Jens Weinreich, auch diese Verleihung wurde von der Szene sehr wohlwollen aufgenommen, ist Weinreich doch beileibe kein Jubeljournalist. Vielmehr geht es ihm – entgegen dem Untertitel seines Blogs, »don’t mix politics with games« – um die Schnittstelle von Politik und Sport, um Irrungen, Wirrungen und Verwicklungen in Ausschüssen und Exekutivkomitees. Aus der Begründung der Jury:
Weinreich belegt in seinem Blog mit viel Fleiß und Engagement, dass intensive, investigativ-journalistische Recherche harte Arbeit ist. So schreibt Weinreich zum Beispiel jedes Mitglied des Sportausschusses des Bundestages an und dokumentiert eintreffende und ausbleibende Antworten zu Fragen des Dopings und zum Umgang mit Dopingtrainern – ein Thema, mit dessen Komplexität Weinreich seine Leser nicht verschont.
Nummer drei, diesmal für Gesamtverantwortung und Gestaltung, erhielt das in der Mediathek des ZDF zu findende »ZDFParlameter«. Diese Anwendung macht die namentliche Abstimmung der Bundestagsabgeordneten transparent. In einem hübsch nachgebauten Plenum sind die Parteien und Plätze der Abgeordneten abgebildet, womit leicht ersichtlich ist wer bei welchem Gesetz wie abgestimmt hat. Ebenfalls nett sind eine Reihe von Filtern für die Sortierung des Wahlverhaltens nach Geschlecht, Alter, Familienstand oder Bundesland. Aus der Begründung der Jury:
Der Zugang ist intuitiv und erklärt sich von selbst. Er hilft, ständig neue Aspekte zu entdecken: Zum Beispiel, dass Parteien nicht immer so monolithisch abstimmen, wie oft unterstellt wird. Oder dass immerhin jeder vierte Abgeordnete drei oder mehr Kinder hat. Oder dass doppelt so viele CDU- wie SPD-Abgeordnete gegen das Finanzmarktstabilisierungsgesetz gestimmt haben (nämlich zwei).
In der Kategorie Wissen und Bildung gab es zwei Preise. Einen davon erhält das wunderbare »Design Tagebuch« des Diplom-Designers Achim Schaffrinna für Autorenschaft und Redaktion. Seine Schwerpunktthemen sind Logoentwicklungen und Relaunchs von Websites, aber es geht natürlich auch oft darüber hinaus. Bemerkenswert übrigens ist das außerordentlich schlichte Layout dieser Seite, das erwartet man so eher nicht – aber so liegt der Fokus voll auf dem Wesentlichen, nämlich den Inhalten und das ist wohl Sinn und Zweck der Sache. Aus der Begründung der Jury:
Eine zentrale publizistische Leistung des Diplom-Designers Schaffrinna ist seine herausragende Auswahl der analysierten Websites, Logos und Themenfelder. Die Beiträge sind von hoher Relevanz, aktuell und nehmen häufig große Medienbetriebe, Unternehmen und Institutionen in den Blick.
Ein weiterer Preis in dieser Kategorie, diesmal für Redaktion und Gestaltung, geht an das zzzebraNetz, eine Vernetzung von fünf Kinderseiten.Fand ich jetzt nicht so aufregend, ist aber doch ganz hübsch gezeichnet und es stecken eine Menge Informationen darin, die dem ein oder anderen Kind (oder doch eher den Eltern?) Freude bereiten dürfte. Ich fand es nett, dass es Grimms Märchen auf dieses Portal geschafft haben. Damit wäre es vermutlich auch etwas für die Omas und Opas. Aus der Begründung der Jury:
Die im deutschsprachigen Internet einzigartige Kinder-Seite »zzzebra Netz« begeistert die Jury des Grimme Online Award 2009 durch die kreative, unterhaltsame und kluge Redaktion und die feine und stimmige Gestaltung, die es sich leisten kann, auf Effekte ganz zu verzichten.
Ebenfalls an Kinder richten sich die in der Kategorie Kultur und Unterhaltung ausgezeichneten Animationsfilme des Strichmännchens »Tom«, der sich stets auf der Jagd nach einem Erdbeermarmeladebrot mit Honig befindet. Damit geht der Preis für Idee, Gestaltung und Redaktion an das Angebot einer öffentlich rechtlichen Anstalt, nämlich des SWR Kindernetzes, die die Serie aufgrund des Erfolgs im Netz sogar ins Fernsehen gehievt hat. Aus der Begründung der Jury:
Bemerkenswert ist auch, dass die Filme von Tom seit vier Jahren einen festen Platz im Fernsehen haben, aber im Internet geboren wurden. Hier zeigen nach wie vor die interaktiven Filme die besondere Stärke des Mediums Web – und vermitteln den Kindern nebenbei erste Kenntnisse zur interaktiven Mediennutzung.
Außerordentlich gefreut habe ich mich über einen weiteren Preis in dieser Kategorie, der für Idee und Konzept an Krimi-Couch.de verliehen wurde. Die »Krimi-Couch« leistet Hilfestellung um aus den Unmengen existierender Krimis den richtigen auszuwählen und bietet dazu eine Menge schöner Tools an. Dargestellt werden die Inhalte nicht nur mit sehr guten Beschreibungen sondern oft auch mit toll produzierten Videos und Podcasts. Dass es das Medium Buch in darüber in die Reihe der Preisträger geschafft hat finde ich klasse. Aus der Begründung der Jury:
Was die Jury ausgezeichnet findet: Die Krimi-Couch ist nicht nur ein Fall für eingefleischte Krimi-Fans, sondern lädt mit ihren ideenreichen Zugangsmöglichkeiten auch solche Nutzer zum Verweilen ein, die das Genre bisher eher kalt gelassen hat.
Für Redaktion und Konzept gewann außerdem »ByteFM« den Grimme Online Award SPEZIAL. ByteFM ist in der Tat ein beeindruckendes Radio. Keine Werbung, unabhängig von Mainstream-Zwängen und Plattenindustrie, handverlesene Platten und Konzertmitschnitte, Interviews und Hintergrundinformationen … all das zusammengestellt von Musikjournalisten, Musikern und Szenekennern. Aus der Begründung der Jury:
»Video Killed the Radio Star« sangen die Buggles, und YouTube scheint diese Entwicklung zu beschleunigen, angefacht durch virales Marketing und crossmedialen Werbedruck. Gerade darum wird ein Kontrapunkt wie »ByteFM« dringend benötigt, um qualitativ hochwertige Orientierung abseits einer DSDS-geprägten Kultur zu bieten.
Zuletzt gab es noch einen Publikumspreis (das dann der neunte Preis in der fünften Kategorie), der an das TV-Wissensmagazin »Wissen macht Ah!« – beziehungsweise dessen Website – verliehen wurde. Die Jury hat eine sehr ordentliche Auswahl getroffen. Nicht nur die Big Player wurden prämiert, wie das in vielen anderen Branchen üblich ist, eher im Gegenteil. Unbequeme Blogger, detailverliebte Designer, Qualität und Anspruch sind die Sieger des Jahres 2009, denen das MacVillage herzlich gratuliert!








